 |
Worte bei der Eröffnung der Ausstellung "Holzrisse zur Bibel"
zum 100. Geburtstag von Margret Bilger, 18. September 2004 im Kulturzentrum bei den Minoriten Graz
Wir gedenken heute einer großen Frau, einer sehr bedeutenden Künstlerin, die vor 100 Jahren am 12. August in Graz geboren wurde und im Jahr 1972 im oberösterreichischen Schärding gestorben ist. Dieser 100. Geburtstag von Margret Bilger ist Anlass für Ausstellungen in Taufkirchen, Ried im Innkreis, Stift Schlierbach und hier in Graz. Das Land Oberösterreich hat für die zugleich respekt- und liebevoll so genannte „Bilgerin“ ein Bilger-Jahr proklamiert. Sie hatte sich 1939 nach künstlerischer Ausbildung in Graz, Stuttgart und Wien in eine innere Emigration dorthin zurückgezogen: in das sehr bescheidene großelterliche Auszugshäuschen in Taufkirchen an der Pram bei Schärding. Dort hat sie sich neben ihrer winzigen Schlafkammer ein ebenso winziges Holzschnittstübchen eingerichtet, in welchem dann ihre mehr als 300 Holzrisse entstanden, die ihr reifes druckgraphisches Werk ausmachen.
Nahe bei Taufkirchen hauste in Zwickledt ein anderer großer Künstler, nämlich Alfred Kubin, der ihre Arbeiten sehr schätzte. Wegen der wunderbar malerisch weichen Wirkung als Ausdruck einer von Frau Bilger selbst gefundenen Technik schlug ihr Kubin vor, sie sollte dafür auch einen eigenen Namen erfinden. Sie erfand dafür dann den Namen „Holzrisse“.
Monsignor Otto Mauer, der mit Frau Bilger bis zu seiner im Jahr 1955 vollzogenen Tendenzwende als Förderer und Begleiter von Gegenwartskunst ebenso wie mit dem Schaffen von Alfred Kubin und Hans Fronius besonders verbunden war, hat 1949 einen fast lyrisch schönen Text über das kleine Haus und die Landschaft am Wiesenfluss Pram als Quellgrund für das damalige Schaffen der Künstlerin geschrieben. Ich zitiere daraus einen Abschnitt: „Am Haus vorbei gleitet in hundertfältigen Mäandern der Wiesenfluss Pram; braunes, goldgründiges Gewässer, vornehm und von taubenhafter Sanftheit unter Erlenbüschen…Welch gewaltiges Land: braun in der Grundsubstanz. Moosige Schattengründe, trächtig schwerer Boden von urtümlicher Wölbung, von harten Kieseln durchsetzt; mächtig ausladende Höfe mit braunen Läden, dumpfroten Dächern. Hintergründige Landschaft innerer Dunkelheit und Gefährdung, voll Spuk und unausgetilgter heidnischer Seele, mütterlich, gut und fruchtbar, von jener unzerstörbaren geduldigen Kraft, die alle Kreatur seit den Tagen der Schöpfung gebiert, nährt und kleidet. Landschaft des Glaubens mit hundert und aber hundert Malen der Frömmigkeit bezeichnet, die, eingewachsen in die Natur und verwurzelt wie Frucht, Baum und Ähre, die große Wandlung der Herzen bewirken und anzeigen, die durch das Holz des Kreuzes in die Welt getreten ist. …Margret Bilgers Kunst wächst aus dem Rätsel des menschlichen Lebens; aus dunklen Hintergründen, die, der rationellen Durchhellung trotzend, größer sind als wir. Kein konstruktiv-ästhetischer Planwille, nichts von kühler technischer Organisation, von leicht durchschaubaren Abstraktionen, nichts von der Oberflächenphysik impressionistischer Farbengewimmel. Hier sind meditative Vorgänge am Werk, die nur zögernd an die Oberfläche treten, hier ist viel des Unausgesagten geblieben, des nur scheu Geahnten, ehrfürchtig Verehrten, vielleicht des geheim Gefürchteten. Langes und gehorsames Horchen ist diesen künstlerischen Äußerungen einer menschlichen Seele vorausgegangen. Traumland der Kindheit ist hier; mit allen süßen und schreckhaften Geheimnissen, die es birgt („Des Knaben Wunderhorn“ war oft und immer wieder der Vorwurf dieser graphischen Blätter). Gutes und Böses ist im Märchen, lebt und wuchert oft ununterschieden. Hier läutert sich langsam die träumende Seele des Mythos. … Nirgends Theaterhaftes, filmisches Abrollen äußerer Vorkommnisse; sparsam bemessene Figuren folgen dem Gesetz innerer freier Wesensnotwendigkeit. Nirgends aber auch leerer allegorisierender Pseudosymbolismus, der letztlich mit Lineal und Zirkel zum mühelos funktionierenden Schema wird. Nirgends Konversation, Geplauder: bei geschlossenem Auge von Seele zu Seele aus innerster Verwandtschaft geht das Gespräch: cor ad cor loquitur. Mönchische Einsamkeit bildet den Quellgrund dieser schwermutgetragenen Geschichte.“
Nicht lange vor seinem Tod hat mir Otto Mauer in seiner Wiener Wohnung in der Singerstraße eine große Zahl von Grafiken Kubins und Margret Bilgers gezeigt, von denen einige auch in dieser Ausstellung „bei den Minoriten“ präsentiert werden.
Ausdrucksmittel im Schaffen von Frau Bilger waren der Reihe nach der Linolschnitt, der Holzschnitt, schließlich der Holzriss und ab 1954 das Glasfenster in Verbindung mit der Werkstatt des Zisterzienserklosters Schlierbach und in dieser letzten Zeit daneben auch farbige Webarbeiten. Ihr künstlerischer Weg führte in der Sicht von Otto Breicha „von einem Bilderbuch-Expressionismus zu einer eigenständigen Ausdrücklichkeit“. Menschlich wie künstlerisch bestand sie auf eigenes Wesen. Sie hat nie leicht gelebt.
Religiöse Themen durchziehen ihr Werk wie ein Webmuster vom Anfang bis zuletzt und dominieren mehr und mehr. Es ging ihr dabei vor allem um Christlich-Religiöses in Vermittlung durch die Katholische Kirche, obwohl sie durch familiäres Herkommen evangelisch war und bis kurz vor ihrem Lebensende geblieben ist. Ihr christlich-humanistisch geprägtes Oeuvre war während der nationalsozialistischen Ära auch eine Form der Resistance gegen das Regime.
Ebenso wie aus der Bibel und anderen religiösen Überlieferungen imaginierte sie aus Märchen und Mythen. Alfred Kubin hielt sie für ein „elbisches Wesen“. Der Themenbogen ihrer Holzrisse reicht von Elementarwesen wie Löwenbräute, Gestalten wie das Mädchen Allerleirauh zu zyklischen Bildfolgen bezogen auf „Des Knaben Wunderhorn“ und Märchen der Brüder Grimm bis – immer wieder – zur Bibel.
Otto Breicha hat bald nach Frau Bilgers Tod geschrieben: „Obwohl das reife graphische Werk Margret Bilgers im oberösterreichischen Abseits entstanden ist, hat es nichts Provinzielles an sich“. Breicha verglich sie schließlich mit Marc Chagall: „Beide zehrten aus Märchen und Überlieferungen, in beider Werk spielt das Religiöse eine beträchtliche Rolle. Beide haben sich mit dem Volkstümlichen auseinandergesetzt und beide haben neben ihren sonstigen künstlerischen Bestrebungen ein imposantes graphisches Werk hinterlassen“.
Was beide trennt ist der Umstand, dass Chagall in Paris zu einer Zeit gelebt hat, als dort Weltkunst gemacht wurde. Margret Bilger galt im Jahr 1949, als die Wiener Albertina 200 ihrer Holzrisse ausstellte, im Urteil des damaligen Albertina-Direktors Otto Benesch als „wohl die bedeutendste Graphikerin der Gegenwart“. Es gab dann zwei Ausstellungen in den USA, davon eine in New York. Frau Bilger sagte damals zu Hans Fronius: „Mich kennt die Welt“. Dass sich der Horizont ihrer Bekanntheit trotz Präsenz auf den Biennalen in Venedig und Sao Paulo und auf der Weltausstellung in Tokio bald verengte und bis heute nicht wieder weit geworden ist, lag und liegt entsprechend dem Urteil von Otto Breicha und anderen Fachleuten nicht an der Qualität ihres Werks, sondern an biographischen und geographischen Umständen.
Das Oeuvre dieser starken Frau, die sich selber als eine Frau verstand, „die die Erde feiert“ und deren Werk wie das literarische Werk der Christine Lavant und der Elisabeth Langgässer sich auch als Frauenkunst darstellt, ist in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen und als Glasfenster in vielen Kirchen geborgen. In unserer Zeit, in welcher oft vollmundig behauptet wird, dass „Kunst alles kann“, das heißt wohl „alles darf“, verdient dieses Oeuvre wieder mehr Aufmerksamkeit. Diese Grazer Ausstellung kann dazu einiges beitragen.
Ich danke allen, die dafür hilfreich waren und sind, besonders auch Frau Landeshauptmann Waltraud Klasnic und mit ihr dem Land Steiermark sowie Herrn Dr. Rauchenberger und seinem Team.
(Graz, 18.09.2004 - 20:00 Uhr)
|
 |