Das Judentum
Kurze Einführung aus katholischer Sicht von Karl Veitschegger
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| 1. Geschichte - im Licht des Glaubens gedeutet
| 1.1. Von Abraham bis Mose Das jüdische Volk und seine Religion fühlen sich als Erben einer mehrtausendjährigen Geschichte. Vor mehr als 3500 Jahren – so erzählt die Bibel – folgt ein gewisser Abraham aus Ur in Chaldäa (heute: Irak) voll Vertrauen dem Ruf seines Gottes und bricht mit seiner Frau Sara und einigen Verwandten in das Land Kanaan (heute: Palästina/Israel) auf. Der Gott, dem Abraham vertraut – so bezeugt die Bibel – verspricht ihm:
"Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. ... Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen." (Genesis 12,2-39)
Wider alle menschliche Hoffnung erhält das Ehepaar einen Sohn, den es Isaak – "Er lacht" – nennt. Der Segen Abrahams lebt weiter in Isaak, in dessen Sohn Jakob, der auch Israel genannt wird, und in dessen zwölf Söhnen und ihren Familien.
Eine Hungersnot zwingt die Kinder Israels, in das fruchtbare Ägypten auszuwandern, wo sie zu einem Volk – Hebräer genannt – heranwachsen. Nach Jahrhunderten des Friedens kommt es zur Unterdrückung, ja zur Versklavung durch die Ägypter. Die Bibel erzählt, dass In dieser Krisensituation Gott erneut eingreift und Mose zum Befreier seines Volkes beruft, indem er ihn aus einem brennenden Dornbusch anspricht:
"Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen ... Und jetzt geh! Ich sende dich zum Pharao. Führe mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten heraus!" (Exodus 3,7-10)
Auf die Frage des Mose, wer der Geheimnisvolle sei, der ihn sende, bekommt er zur Antwort:
"Ich bin der >Ich-bin-da< ... JHWH (Jahwe), der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs ... Das ist mein Name für immer, und so wird man mich nennen in allen Generationen. (Exodus 3,14-15)
Mose führt das Volk – trotz langer Unnachgiebigkeit der Ägypter – schließlich in die Freiheit. Viele Legenden umranken diese Befreiung aus dem "Sklavenhaus Ägypten", die historisch wohl um 1250 v. Chr. unter Pharao Ramses II. stattgefunden hat. Mose ist für die Juden auch der Überbringer der Tora, des göttlichen Gesetzes, das Gott den Israeliten nach der Verkündigung der Zehn Gebote am Berg Sinai gegeben hat, um das Leben des Volkes zu regeln. Israel soll besonderes Eigentum Gottes, eben "sein Volk" sein, erwählt aus reiner Liebe.
1.2. Im Gelobten Land Das Land Kanaan wird von den zwölf Stämmen Israels in Besitz genommen, David gründet um 1000 v. Chr. das Königreich Israel, sein Sohn Salomo baut den ersten Tempel in Jerusalem. Nach Salomo zerfällt das Reich in das Nordreich Israel und das Südreich Juda. In beiden Reichen treten Propheten auf und ermahnen – oft vergeblich – König und Volk zur Treue zu JHWH-Gott und zu sozialer Gerechtigkeit. Das Nordreich wird 722 vor Christus von den Assyrern zerstört, die zehn dort ansässigen Stämme verschwinden aus dem Blick der Geschichte. Das Südreich Juda wird 586 vor Christus ein Opfer der Babylonier, der Tempel in Jerusalem zerstört, Teile des Volkes nach Babylonien ins Exil deportiert. Von Propheten und vielen anderen wird die Katastrophe als Folge der Treulosigkeit gegenüber Gott (Kult fremder Götter, Missachtung der Gebote Gottes) gedeutet.
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| 1.3. Exil und Erneuerung Diese Katastrophe ist aber Beginn einer religiösen Erneuerung. Da es im Exil keinen eigenen König, keinen Tempel, keine Schlachtopfer, keinen Priesterdienst mehr gibt, werden andere Dinge wichtig: das Königtum JHWHs, der niemand anderer ist, als der eine und einzige Gott, die Gebote Gottes, die Speisevorschriften, die Beschneidung und der Sabbat als Zeichen des bleibenden Bundes. Die Juden – so nennt man nun den verbliebenen Rest des Volkes Israel – treffen sich in den Synagogen zum Wortgottesdienst und geben vielen religiösen Traditionen ihres Volkes eine schriftliche Form. Das Judentum wird zu einer Religion der Synagoge und der Heiligen Schrift. Das ändert sich auch nicht, als unter dem Perserkönig Kyrus ab 538 v. Chr. Juden die Erlaubnis erhalten, in das Land der Väter zurückzukehren und den Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen. Die Treue zu Gott, dem Einen und Einzigen, den man nicht bildlich darstellen darf und dessen Namen man aus Ehrfurcht nicht mehr ausspricht, zeigt sich in der möglichst genauen Befolgung der Tora. Als der Hellenismus alle Juden zu heidnischer Lebensart zwingen will, sterben viele als Märtyrer. Trost spendet der Glaube, dass Gott die Toten wieder auferwecken wird zu ewigem Leben. Viele sehnen auch ein rasches Ende dieser ungerechten Welt herbei (Apokalyptik). Der nicht besonders beliebte Herodes kann mit Hilfe Roms noch einmal für kurze Zeit König im jüdischen Land sein und erweitert den Tempel zu einem prachtvollen Bau. Aber schon bald ist der römische Kaiser alleiniger Herr über Jerusalem. Die Sehnsucht nach einem Messias, der Israel befreit und eine neue Zeit des Heiles heraufführen soll, wächst und ist zu jener Zeit besonders groß, als ein gewisser Zimmermann Jeschua (Jesus) von Nazaret sein "Evangelium vom Reich Gottes" verkündet. Eine Schar von Juden und Jüdinnen schließt sich ihm an, bekennt ihn – trotz seiner schmachvollen Hinrichtung am Kreuz durch die Römer – als Messias (Christus) und bildet so den Grundstock für die zweite "abrahamitische" Weltreligion, das Christentum..
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| 1.4. Das rabbinische Judentum 40 Jahre nach dem Tod Jesu, im Jahre 70 n. Chr., trifft die Juden eine neue Katastrophe. Die Römer zerstören Jerusalem und den Tempel, der seither nicht wieder aufgebaut worden ist. Der Siebenarmige Leuchter (die Menora), heute Symbol des Staates Israel, wurde damals aus dem Tempel geraubt (dokumentiert durch Relief am Titusbogen in Rom). Der militärische Widerstand der Juden wird im 2. Jh. ganz gebrochen. Juden dürfen Jerusalem nicht mehr betreten. Sie haben kein eigenes Land mehr. Umso stärker klammern sie sich an die um 100 n. Chr. kanonisierte hebräische Bibel (bestehend aus Tora, Propheten und Schriften) - von Christen Altes Tetsament genannt - und an die Auslegung der Tora durch Rabbiner (Schriftgelehrte, besonders aus der Bewegung der Pharisäer).
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| | Für das Judentum beginnt die Rabbinische Zeit. Kostbarste schriftliche Frucht rabbinischer Weisheit und Diskussion ist der Talmud (Jerusalemer und Babylonischer Talmud), bestehend aus Mischna (Sammlung der mündlichen Lehre) und deren Kommentar, der Gemarra. Er ist die Grundlage für das, was wir bis heute unter jüdischer Religion verstehen. Vom Siege des Christentums, dem es nach 300 Jahren gelang das Römerreich unter das Zeichen des Kreuzes zu stellen, profitieren die Juden nicht. Im Gegenteil, Vorurteile gegen jüdische Lebensweise und Beschuldigungen, die Hinrichtung Jesu erwirkt zu haben, führen zu gesellschaftlicher Ächtung, bald auch zu Zwangstaufen, grausamen Verfolgungen und Vertreibungen. Im später entstandenen Islam geht es den Juden meist besser als unter der Herrschaft jener christlichen Fürsten, die zwar den Juden Jesus als ihren "Herrn und Gott" verehren, aber den Mitgliedern seines Volkes die christliche Liebe verweigern. Dass dieser Antijudaismus auch eine Quelle des neuheidnischen und mörderischen NS-Rassenwahns geworden ist, gehört zu den großen Skandalen des christlichen Abendlandes. Die Schoa, die gezielte Vernichtung von 6 Mio. Menschen, ist die größte Katastrophe des jüdischen Volkes, wohl auch die größte Anfechtung für seinen Glauben an einen guten und treuen Gott. Dass Juden und Jüdinnen dennoch bis heute Gott die Treue halten, ist ein ungemein starkes Zeugnis des Glaubens – auch für Christen. Es ist bitter, dass der 1948 gegründete Staat Israel nicht zum Friedensort für das jüdische Volk geworden ist, sondern neues Unrecht – nämlich den arabischen Palästinensern gegenüber – produziert und so Zündstoff für viele neue Konflikte ist. Eine tragische Situation, aus der nur Gott einen Ausweg kennt.
"Erbittet für Jerusalem Frieden! Wer dich liebt, (Jerusalem) sei in dir geborgen. Friede wohne in deinen Mauern, in deinen Häusern Geborgenheit." (Psalm 122)
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