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Klingendes Sprachgewirr

Videoinstallation im Grazer Mausoleum als Nachdenken über Sprache zu Pfingsten

Gehörlose singen Bach. Eine Videoinstallation des polnischen Künstlers Artur Zmijewski im Grazer Mausoleum lotet die Abgründe von Sprache und Gesang aus: Was vermögen wir überhaupt zu sagen, wer sagt, was richtig oder falsch klingt? Muss die intensivste Form des Sprechens, der Lobpreis, nicht notwendigerweise „scheitern“? Ein Nachdenken zu Pfingsten.
Das renovierte Grazer Mausoleum, Prunkgrabstätte von Ferdinand II. Und Barockjuwel der Grazer Stadtkrone, gibt den auratisch-theatralischen Umraum ab für die Videoarbeit des polnischen Künstlers Artur Zmijewski: „SINGING LESSON“, Teil der vom Kunsthaus Graz konzipierten Ausstellung „VIDEODREAMS. Zwischen dem Cinematischen und Theatralischen“.

In „Singing Lesson“ ist eine Choraufführung zu sehen, eine dreißigminütige Lektion über das Singen. Und Singen verkörpert eine besondere Art der Sprache. Doch die hier singen, haben nie gehört, was wir unter Klang verstehen, unter Harmonie oder Dissonanz, unter Intervallen, die „richtig oder falsch“ sind.

Die hier singen, sind gehörlos
Jugendliche, die nicht anders sind als normale ChorsängerInnen, die zwischen den Zeilen und den Anweisungen des Dirigenten interagieren, miteinander kommunizieren, blödeln und mit voller Begeisterung und Inbrunst das ins Werk setzen, was sie gemeinsam mit dem Dirigenten einstudiert haben.
Was sie in ihrer Aufführung als Gesang verbindet, ist der Rhythmus, den der Dirigent Artur Zmijewski vorgibt, wie es jeder Dirigent tut. Was sie hören, wissen wir nicht, was wir hören, nennen wir vielleicht in der Sprache der Kunst Konkrete Poesie oder Atonalität. Welche Sprache für wen in unserer Gesellschaft vorgesehen ist, was richtig ist oder falsch, wird hier befragt und als Frage neu gestellt.

Der experimentelle Umgang mit tradierten Auffassungen von Musik und Sprache in der Video-arbeit, deren erster Teil auf der Manifesta 4 in Frankfurt vor zwei Jahren zu sehen war, wird im Installationsraum des Grazer Mausoleums noch einmal neu durch räumliche Interaktion eingefärbt. Das Grazer Mausoleum und die Katharinenkirche, mächtige Folie, „VIDEODREAMS“ zu befragen, dienen nicht nur als Attraktion für Touristen, sondern werden immer öfter auch als Konzertraum genützt. Hier wird Johann Sebastian Bach (in der von Domkapellmeister Josef Döller dirigierten Reihe „Bach XXI“) aufgeführt.
 Auch die gehörlosen Jugendlichen singen ihren Bach. Aufgenommen 2002 in der Kirche, in der Bach gewirkt hat, der Thomaskirche in Leipzig, musizieren sie die Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“ (BMV 147). In unserem, dem traditionellen  Melodieverständnis, sind Orgel und Solostimme zu hören. Im Part des Chors ist möglicherweise ein neues Melodieverständnis zu hören.

Bereits 2001 sangen gehörlose polnische Jugendliche in einer klassizistischen Kirche in Warschau (Teil 1 von „Singing Lesson“), begleitet von einer Orgel, das Kyrie des polnischen Komponisten Jan Maklakiewicz „In this holy place, in this holiest place, our voice rises to you and erupts as the sea roar from deep abyss. O Christ, hear us! O Christ listen to us!“ Der Kontrast – von Melodie und Atonalität, von Expression und Hingabe, von jugendlichem Esprit und langatmigen Räumen (wie der weißliche klassizistische Kirchenraum) – eröffnet der Dimension von Sprache ein tiefes Gefühl von Spiritualität. Sprache als Lobgesang wird hier vom Rande der möglichen Unmöglichkeit bzw. Der unmöglichen Möglichkeit vorgeführt. Die Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeit wird hier von der existenziellen und ästhetischen Grenze her gezeigt.

Johannes Rauchenberger
Foto: KbM

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Artur Zmijewski: SINGING LESSON: Videoinstallation im Grazer Mausoleum, Eingang Burggasse – im Rahmen der Ausstellung „VIDEODREAMS“, Minoriten-Galerien Graz in Ko-operation mit dem Kunsthaus Graz. Kurator: Adam Budak. Täglich bis 6. 6., 10.30 bis 12.30 und 13.30 bis 16 Uhr.

Ausgabe Nr.: 04-21
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