Die Lebenspilgerin
Ausstellung bei den Minoriten zum Anlass des 100. Geburtstags von Margret Bilger (1904–1971)
Mit ihrem umfangreichen vielgestaltigen Werk malerischer, grafischer und textiler Natur, vor allem auch als Gestalterin zahlreicher sakraler Räume, hat sich Margret Bilger über Österreich hinaus, in Deutschland und den USA, einen unauslöschlichen Namen gemacht. Aus Anlass ihres 100. Geburtstags gedenkt das Kulturzentrum bei den Minoriten der am 12. August 1904 in Graz geborenen Künstlerin mit der Ausstellung „Holzrisse zur Bibel“. Kritiker nannten Margret Bilger eine „Mystikerin“ und „Visionärin“. Der kunstsinnige Wiener Prälat Otto Mauer schrieb ihrem Werk bleibenden Charakter zu, „weil sie das Zentrum des Menschen als Sitz und Urquell erwählt hat, die geistige Seele, die nicht stirbt“. Hinter dem Œuvre steht ein bewegtes Frauenschicksal. Kindheit und Jugend verbrachte Margaretha Katharina Anna Bilger weitestgehend in Graz in einem evangelischen Elternhaus in der Morellenfeldgasse 42. Die Bilgerin, wie sie von ihren Künstlerfreunden genannt wurde, wurde frühzeitig zur „Lebenspilgerin“: Graz, Stuttgart, Wien, Taufkirchen im Innviertel sind Stationen in den ersten drei Lebensjahrzehnten. Sie erlitt harte Rückschläge in ihrer schulisch-beruflichen Ausbildung. Erst an der Kunstgewerbeschule in Wien gelang ihr ein erfolgreicher Abschluss in Malerei, Graphik und Glasmalerei, ausgezeichnet mit dem Ersten Österreichischen Staatspreis (1928).
Anfang der dreißiger Jahre kehrte sie auf ihrer Lebenswanderschaft wieder nach Graz zurück: Ihre privaten Schicksalsschläge erinnern an die eines „weiblichen Hiob“: der schmerzliche Tod der Mutter, eine gescheiterte Ehe, eine Totgeburt, schwere Erkrankungen, ihre notvolle materielle Lage. Im Jahr des Weltkriegsausbruches 1939 lässt sie sich in Taufkirchen an der Pram dauerhaft nieder. Hier in der Ferienwohnung ihrer Familie, einem ihr von frühester Jugend an vertrauten abgelegenen Ort im oberösterreichischen Innviertel, „gewann die Einsamkeit Fülle“, wie sie selber schreibt. Hier entsteht im Wesentlichen ihr Holzrisswerk. Einer der Mentoren, mit dem Margret Bilger eine intensive geistige Beziehung verbindet, ist der Künstler Alfred Kubin. Ihre Arbeiten zu Märchen, Sagen und Bibel enthielten während des Zweiten Weltkrieges eine „doppelbödige Botschaft“, die der nationalsozialistischen Weltanschauung entgegenstand. 1949 gelingt ihr mit einer Ausstellung in der Wiener Albertina über ihr bisheriges graphisches Œuvre (über 200 Holzrisse mit einigen Aquarellen) der große Durchbruch. Internationale Ein-ladungen zu den Biennalen in Venedig und Sao Paulo, zu Ausstellungen in Rom, Tokio und New York folgen.
In ihrer zweiten Lebensphase wendet sich Margret Bilger, die 1953 den Maler Hans Joachim Breustedt heiratet, künstlerisch der leuchtenden Farbe des Glases zu, die auch ihre innere Entwicklung zum Ausdruck bringt. Die Begegnung mit dem Zisterzienserkloster Schlierbach bedeutete eine existenzielle Wende in ihrem Leben. Für über zwei Jahrzehnte wurde die Glasmalerei des Stiftes zur „zweiten Heimstätte von tiefer Besinnung“. Hier entstanden aus ihrem „inneren Erleben“ zahlreiche Werke, vorwiegend sakrale Kunst. Die Bernhardikapelle im Stift Heiligenkreuz, das große Messopfer-Glasgemälde in Salzburg-Herrnau (1960) oder das Taufkapellenfenster der neuen Pfarrkirche in Liesing bei Wien sind nur einige unter vielen Kirchenfenstern, die für ihr fruchtbares schöpferisches Wirken stehen. Den einzigen Auftrag für die Steiermark erhielt Margret Bilger für die Pfarrkirche Rohrbach an der Lafnitz, wo sie für das beeindruckende Josefsfenster (1959/60) zum ersten Mal die Betonglastechnik in großem Format anwandte. Margret Bilger liebte Schlierbach. Die klösterliche Atmosphäre war ihrer Arbeitsweise förderlich. Die optimale Übereinstimmung von künstlerischem Schaffen und klösterlicher Atmosphäre bringt ein Brief Margret Bilgers an den feinsinnigen Abt Alois Wiesinger zum Ausdruck, der auch als „Abt der Innerlichkeit“ bezeichnet wurde und ihr 1951 eine Ausstellung ihrer Zeichnungen, Aquarelle und Holzrisse in den Räumen des Klosters ermöglichte: „…Nirgends hätte ich so gearbeitet, nirgends wäre die Sammlung so tief gewesen und die Gemeinschaft der Mitarbeitenden so wahr. Ich durfte in dem feierlichen Raume wohnen als ein Ihnen doch fremder Gast, ich durfte in Ihrer Messe vor dem Altar die Andacht erleben als Nichtkatholikin, aber diese Aufnahme wurde mir zu einer Gnade, und obwohl fremd, war mir, als verband mich tief ein einziger Geist.“ Kurz vor ihrem Tod trat sie zum Katholizismus über (1966).
Wer in Graz Näheres über Leben und Werk von Margret Bilger (1904 bis 1971) erfahren möchte, kann sich auch auf die „FrauenWEGE“ begeben, die nach wie vor von der Katholischen Frauenbewegung Steiermark angeboten werden. Einer der drei „FrauenWEGE 2003“ ist in Erinnerung an diese bedeutende österreichische Künstlerin des 20. Jahrhunderts benannt.
Michaela Sohn-Kronthaler
Bild: Margret Bilger, September 1960, Foto: Archiv Ausgabe Nr.: 04-38
|